© Marcel Kusch

Bericht: Dortmunder Bombe zündete eine Sekunde zu spät

Berlin (dpa) – Die Spieler von Borussia Dortmund sind beim Sprengstoffanschlag auf ihren Mannschaftsbus wohl nur knapp einer größeren Katastrophe entgangen.

Wäre die Detonation nur eine Sekunde früher erfolgt, hätte es möglicherweise auch Tote gegeben, berichtet die «Bild am Sonntag» unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Am Dienstag waren drei Sprengsätze neben dem BVB-Bus explodiert. Fußballprofi Marc Bartra, der hinten rechts saß, sowie ein Polizist wurden teils schwer verletzt. Auf Bildern war zu erkennen, dass die hinterste Scheibe auf der rechten Seite zersplittert war.

Ein Ermittler der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) «Pott» des Bundeskriminalamtes sagte der Zeitung: «Wären die Splitterbomben nur eine knappe Sekunde früher gezündet worden, hätte der Bus eine regelrechte Breitseite bekommen. Es hätte dann bestimmt viele Schwerverletzte und möglicherweise auch Tote gegeben.»

Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College warnte vor weiteren Angriffen. Die sehr gefährlichen Täter seien noch auf freiem Fuß. Die Ermittler prüfen mehrere Bekennerschreiben, die allerdings Rätsel aufgeben.

Die Ermittler konzentrieren sich auf drei Themen: Den Sprengstoff, die Zünder – und die drei am Tatort gefundenen gleichlautenden angeblichen Bekennerschreiben. Wichtige Fragen und Antworten zum Fall:

Machen die Ermittler Osterpause?

Nein. Am Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden laufen die Untersuchungen nach Angaben einer BKA-Sprecherin auch über Ostern auf Hochtouren. Per Twitter teilte das BKA mit, nach dem Anschlag seien wichtige Beweismittel von Dortmund in das Institut gebracht worden.

Gibt es eine heiße Spur?

Nicht direkt – aber es gibt Anhaltspunkte. Dabei konzentrieren sich die Ermittler auf das, was an handfesten Spuren am Tatort gefunden wurde: Reste des bei dem Anschlag mit zwei Verletzten verwendeten Sprengstoffs und der Zünder. Außerdem hoffen sie immer noch, dass die drei am Tatort gefundenen gleichlautenden Bekennerschreiben bei der Aufklärung helfen können. Fingerabdrücke sollen auf den drei Papierblättern nicht gefunden worden sein.

Wie gehen die Ermittler vor?

Kriminaltechniker und andere Ermittler waren akribisch mit Aufklärungsarbeit am Tatort und in dessen Nähe beschäftigt. Es gebe ein «riesiges Spurenaufkommen», heißt es in Ermittlerkreisen. Unter anderem wurden Proben vom Boden, von Bäumen sowie der Hecke genommen, in der die Sprengsätze versteckt waren.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen haben sich die Ermittler intensiv mit dem BVB-Mannschaftshotel befasst. Mitarbeiter und Gäste wurden nach Auffälligem befragt. Selbst die im Hotel verwendeten Drucker wurden überprüft: Der Check ergab, dass die am Tatort gefundenen Bekennerschreiben auf keinem der Hotel-Printer gedruckt worden sind.

Auch Anwohner wurden befragt. Die Ermittler gehen davon aus, dass die drei Sprengsätze per Handy-Fernzündung zur Explosion gebracht wurden – und dass der oder die Täter die Abfahrt des Busses beobachtet haben.

Gibt es schon Informationen über Sprengstoff und Zünder?

Die «Welt am Sonntag» zitiert Ermittlerkreise mit den Worten: «Der Sprengstoff in den Rohrbomben, die mit Metallstiften gefüllt waren, stammt eventuell aus Beständen der Bundeswehr.» Eine BKA-Sprecherin betont aber: «Es ist noch viel zu früh, solche Aussagen zu treffen, da die kriminaltechnischen Untersuchungen noch laufen.»

Die Zeitung berichtet zudem, es seien militärische Zünder verwendet worden, deren Handhabung Fachkenntnis voraussetze und die sich nicht leicht beschaffen ließen. Auch für diese Details gibt es noch keine Bestätigung. «Das lässt sich noch nicht konkretisieren», heißt es dazu in Sicherheitskreisen. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte am Donnerstag im Landtags-Innenausschuss von hochprofessionell gebauten Sprengsätzen mit enormer Sprengkraft gesprochen.

Was ist über den oder die Täter bekannt?

Noch nichts Konkretes – aber es gibt einige Hypothesen.

Einen islamistischen Hintergrund wollen die Ermittler zwar noch nicht ausschließen. Trotz der Diktion der am Tatort entdeckten Schreiben («Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen…» glauben sie aber eher nicht an einen Autor aus dieser Szene. Dagegen sprächen Details – von fehlenden Zeichen der Terrormiliz Islamischer Staat bis hin zur Wortwahl, die auf einen deutschen Muttersprachler hindeute.

Mehr oder minder ausgeschlossen wird ein linksextremer Täter. Eine in der Tatnacht im Internet aufgetauchte Mail, die einen solchen Zusammenhang suggerierte, wurde rasch als Fälschung enttarnt.

Gibt es Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund?

Diese These rückt mehr und mehr in den Fokus. So könnten die Tatort-Schreiben von Rechtsextremen genutzt worden sein, um bewusst eine falsche Fährte in Richtung Islamisten zu legen, heißt es. Die «Bild»-Zeitung zitiert einen Ermittler mit den Worten: «Aufgrund der Gesamtumstände gehen wir am ehesten von Tätern aus dem rechtsextremen Milieu aus.»

Doch auch hier mahnen Experten zu Vorsicht: Es wäre ungewöhnlich, wenn Extremisten egal welcher Richtung Fußballspieler angreifen würden. Extremisten wollten für ihre Taten zumindest in den eigenen Reihen Beifall erhalten – und der sei hier eher unwahrscheinlich.

Was ist mit der jüngsten angeblichen Bekennermail?

In den Sicherheitsbehörden gibt es Zweifel, dass der Verfasser der Mail mit rechtsextremem Inhalt tatsächlich mit dem Anschlag zu tun hat. Der «Tagesspiegel», bei dem die Mail am Donnerstagabend eingegangen war, schrieb am Samstag, das BKA halte das Schreiben für das mutmaßliche Werk eines Trittbrettfahrers. Nach dpa-Informationen nehmen die Behörden die Mail dennoch ernst – auch wegen der darin enthaltenen Drohungen und der Tatsache, dass der Anschlag in Dortmund einen rechtsextremen Hintergrund haben könnte.

Was könnte sonst hinter dem Sprengstoffangriff stehen?

Von Anfang an gehen die Kriminalisten auch der These nach, dass Kriminelle hinter der Tat stecken könnten. So wird in diesen Kreisen darauf hingewiesen, dass es beim BVB um einen Fußballverein mit starken Geldinteressen gehe, der einen erheblichen Wirtschaftsfaktor darstelle. Niederlagen in Folge des Anschlags könnten beispielsweise Auswirkungen auf den Kurs des börsennotierten Vereins haben. Es stelle sich unter anderem die Frage, wer daran Interesse haben könne.