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«Das Erdbeben in Chili» im Residenztheater

München (dpa/lby) – Mit einer hochdramatischen Bühneninszenierung der Novelle «Das Erdbeben in Chili» von Heinrich von Kleist ist das Münchner Residenztheater am Freitagabend in die neue Spielzeit gestartet. Ein Liebespaar steht darin kurz vor dem Tod und wird durch die gewaltigen Erdstöße wie durch ein Wunder gerettet, während die ganze Stadt in Trümmern liegt. Gleichzeitig sucht eine aufgehetzte Masse nach einem Sündenbock, der schuld an dieser Katastrophe ist.

Ulrich Rasches Stück ist kraftvoll, wuchtig, spannend und visuell beeindruckend – mit einigen überraschend leisen, poetischen Momenten. Im Residenztheater wird aus der 1807 erschienenen Novelle ein sehr aktuelles Stück. Nicht nur, weil es die Coronapandemie oder den Klimawandel einbindet. «Das Erdbeben in Chili» setzt sich mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinander: Angst, die Frage nach Schuld, Verantwortungslosigkeit, Solidarität oder blindem Hass. Nichts weniger als die Menschlichkeit steht hier auf dem Spiel.

Wie schon bei seiner gefeierten Inszenierung «Die Räuber» setzt Rasche wieder auf Maschinen, allerdings sind es dieses Mal keine gewaltigen Laufbänder. Die Schauspieler in schwarzer Kleidung spielen auf einer flachen Drehscheibe, auf der sie ständig in Bewegung sind, angetrieben vom harten Rhythmus der Livemusik. Immer härter werden die Beats, immer drängender und atemloser die Stimmen der Darsteller, die unisono ihren Text hinausschreien, wenn der Erdbebenstoß die Hauptstadt St. Jago verwüstet. Anstrengend, nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Schauspieler, die in den zweieinhalb Stunden stimmlich, darstellerisch und körperlich eine Höchstleistung abliefern und «Das Erdbeben in Chili» zu einem packenden und beeindruckenden Theatererlebnis machen.