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Nürnberg: Der Traum von der Kulturhauptstadt ist ausgeträumt

Nürnberg (dpa/lby) – Als europäische Kulturhauptstadt wollte sich Nürnberg neu erfinden, sich mit kreativem Potenzial vom Bratwurst-Image befreien. Doch aus den großen Plänen wird nun nichts. Am Mittwoch entschied sich die europäische Auswahljury in Berlin für Chemnitz. Die anderen deutschen Bewerberstädte Nürnberg, Hannover, Magdeburg und Hildesheim hatten das Nachsehen. Die Enttäuschung in Bayerns zweitgrößter Stadt und der gesamten Region war groß.

Im historischen Rathaussaal verfolgte das Nürnberger Bewerbungsteam den Livestream der Pressekonferenz aus Berlin. Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten waren gekommen, der Bayerische Rundfunk sendete live aus dem Saal. Als die Jury-Vorsitzende Sylvia Amann schließlich die Gewinner-Stadt Chemnitz verkündete, war Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) die Enttäuschung im Gesicht abzulesen. «So ist das», war seine erste Reaktion, während auf den Bildschirmen das Chemnitzer Team jubelte.

«Ich bin sehr traurig», sagte er nach dem Ende der Liveübertragung. «Es ist für uns natürlich auch schon bitter.» Nürnberg, das sich gemeinsam mit der Metropolregion beworben hatte, hatte sich gute Chancen ausgerechnet. Unter dem Motto «Past Forward» wollte es die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden. Mehr als 60 Projekte waren geplant, die zeigen sollten, dass Nürnberg neben dem Maler Albrecht Dürer, dem weltberühmten Christkindlesmarkt und Lebkuchen auch viele andere, moderne Seiten hat.

Den Titel der Kulturhauptstadt vergibt die Europäische Union seit 1985 immer zeitgleich an zwei Länder. 2025 geht dieser an Deutschland und Slowenien. Zuletzt war Deutschland 2010 mit Essen und dem Ruhrgebiet vertreten. Zuvor waren Weimar (1999) und West-Berlin (1988) europäische Kulturhauptstädte. In diesem Jahr dürfen sich Rijeka in Kroatien und Galway in Irland mit dem Titel schmücken. Nach der Entscheidung der Auswahljury müssen Bund und Länder
Kulturhauptstadt ernennen.

Als europäische Kulturhauptstadt hätte Nürnberg nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern eine Millionenförderung für Kulturprojekte bekommen. Allein 30 Millionen sollten vom Freistaat kommen. Bis zu zwei Millionen Euro will dieser nun trotz des Scheiterns für die Bewerbung zahlen.

Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) teilte am Mittwoch mit, dass sein Ministerium außerdem prüfen werde, ob und welche Projekte weiterhin gefördert werden könnten. Nürnberg habe mit viel Herzblut für die Bewerbung gekämpft, sagte Sibler. «Der Bewerbungsprozess hat in der Stadt eine ungeheure Kreativität mobilisiert und neue Brücken in Europa geschlagen.» Davon profitiere nicht nur die Stadt, sondern ganz Bayern.

König gab sich nach dem ersten Schock kämpferisch: Nürnberg habe schon viele Rückschläge hinnehmen müssen und sei immer wieder aufgestanden, sagte er. Die Stadt werde auch in der Zukunft zeigen, dass Kultur eine wichtige Rolle spiele. «Wir werden die Kultur weiter unterstützen.»

Auch Nürnbergs Kulturbürgermeisterin Julia Lehner (CSU) sagte, die Bewerbung sei für Nürnbergs kulturelles Selbstverständnis nicht umsonst gewesen. «Wir geben nicht auf, diese Erkenntnisse weiter umzusetzen und weiter zu leben.» Doch wie viel Geld für die vielen geplanten Aktionen jetzt noch zusammenkommt, ist angesichts der finanziellen Belastungen durch die Corona-Krise fraglich.