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Ehepaar aus Schnaitsee posthum für Rettung von Juden geehrt

Schnaitsee (dpa/lby) – Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat ein Ehepaar aus dem oberbayerischen Schnaitsee posthum für die Rettung verfolgter Juden zur Nazizeit geehrt. Die beiden gelten damit offiziell als «Gerechte unter den Völkern». Michael und Caecilia Köhldorfner hätten damals ihr eigenes Leben riskiert, um den beiden Fremden zu helfen, sagte die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Sandra Simovich, am Montag bei einer Feierstunde bei dem Anwesen, in dem die Köhldorfners damals die Juden versteckt hatten.

«Diese Rettungsgeschichte erzählt von Menschlichkeit und großem Mut zu einer Zeit, in der die große Mehrheit der Menschen tatenlos der millionenfachen Ermordung der europäischen Juden zusah. Die Zivilcourage der Retter, ihren jüdischen Mitmenschen beizustehen und dabei ihr eigenes Leben zu riskieren, ist als ein Leuchtturm in der Finsternis anzusehen», sagte Simovich. Der Bayerische Rundfunk (BR) hatte zuerst über die Ehrung am Wohnort der Familie berichtet.

Köhldorfners Sohn Michael, der damals sieben Jahre alt war und Zeitzeuge ist, und sein Bruder Alois wollten an der Zeremonie in Schnaitsee teilnehmen; darüber hinaus weitere Familienmitglieder, auch Enkel und Urenkel der Geehrten, sowie drei Generationen eines der geretteten Juden, die dafür extra aus den USA anreisten.

«Es sind 15- und 20-Jährige da. Es ist ein laufendes Wachhalten», sagte Enkel Martin Köhldorfner der Deutschen Presse-Agentur. Mit der Ehrung habe sich dies nochmals verstärkt. «Das hält die Geschichte am Leben, das macht die Familie stolz.»

In den letzten Kriegstagen waren den Berichten zufolge in der Scheune des Nachbaranwesens zwei aus Polen stammende Juden entdeckt worden: Henrick Gleitman und Bernhard Hampel. Ihnen war es gelungen, von dem Todesmarsch, der vom Konzentrationslager (KZ) Flossenbürg ins KZ Dachau führte, zu fliehen. «Die Großeltern haben entschieden, dass sie sie zu sich holen und bei sich verstecken», sagte Martin Köhldorfner weiter. Es sei die Charaktereigenschaft seines Großvaters gewesen: «Er war sehr, sehr hilfsbereit und mutig.» Dass er und seine Frau ihr Leben aufs Spiel setzten, sei den beiden klar gewesen.

Besonders brisant: Bis kurz davor waren SS-Offiziere auf der Durchreise im Haus gewesen, die den genutzten Raum als Unterkunft beschlagnahmt hatten. Und tatsächlich kehrten die SS-Offiziere nochmals zurück. Laut BR hatten sie ihre Schreibmaschine vergessen. Sie entdeckten die beiden Juden. «Die hätten die zwei standrechtlich erschießen können und meine Eltern noch dazu, aber einer hat nur meinen Vater scharf angeschaut und gesagt: ‚Ich kenn‘ mich aus.‘ Und dann ist er gegangen», sagte der heute 81 Jahre alte Sohn der Geehrten, Michael Köhldorfner junior, dem BR. Der SS-Mann habe die Eltern nicht verraten.

Für Michael Köhldorfner junior und seinen jüngeren Bruder Alois gibt es eine Botschaft, die der BR so zitiert: «Dass man hilfsbereit sein muss, wenn es drauf ankommt, wenn es um Menschenleben geht. Und dass man nicht auf Propaganda hereinfällt.»

Der Schnaitseer Bürgermeister Thomas Schmidinger (CSU) sagte: «Wir freuen uns mit der Familie. Ich seh es stellvertretend dafür, dass es in dieser Zeit Menschen gegeben hat, die sich human verhalten habe.»

Yad Vashem erinnert seit 1963 an Nicht-Juden, die ihr Leben riskierten, um Juden während des Holocaust zu retten. Ihnen wird der Ehrentitel «Gerechte/r unter den Völkern» zuerkannt. Die Namen werden auf der Erinnerungs-Wand im «Garten der Gerechten» in Yad Vashem verewigt. Bis Januar 2019 wurden über 27 000 Frauen und Männer aus 51 Ländern mit diesem Titel geehrt. Darunter sind 627 Deutsche.