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Gestohlene Riesen-Goldmünze: Schweigen und ein Mammutprozess

Berlin (dpa) – Sie kommen völlig gelassen von zu Hause in das Berliner Landgericht. Auch wenn die vier jungen Männer im Alter von 21 bis 25 Jahren auf der Anklagebank Platz nehmen, ist ihnen keine Anspannung anzumerken.

Dabei wird ihnen der spektakuläre Diebstahl einer riesigen Goldmünze im Millionenwert aus dem Bode-Museum zur Last gelegt. Vor einem Jahr begann der Prozess wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in besonders schwerem Fall. Doch das Quartett schweigt bis heute.

Bislang seien weitere Verhandlungstermine bis zum 24. Februar geplant, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani. Die für diesen Donnerstag geplante Befragung der Großmutter eines Angeklagten wurde nach Gerichtsangaben vom Montag auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Zeugin soll extra per Flugzeug aus der Türkei nach Berlin kommen. Drei der deutschen Angeklagten gehören einer arabischstämmigen Großfamilie an.

Der Vierte soll zuvor als damaliger Wachmann in dem Museum Tipps gegeben haben. Er soll sich nach dem Coup für Immobilien in der Hauptstadt interessiert haben. Das gehe aus Telefonaten hervor, die von Ermittlern mitgeschnitten worden seien, hieß es im Prozess. Seine Verteidiger erklärten, seine Großmutter habe der Familie helfen und Geld für einen Laden zur Verfügung stellen wollen.

Bislang konnte nicht im entferntesten erhellt werden, was aus der Beute wurde und wo sie geblieben ist. Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass die Münze zerkleinert und Stück für Stück verkauft wurde. Als Indizien gelten nachgewiesene Goldpartikel auf Kleidungsstücken. Es habe sich um «höchstreines Gold» gehandelt, so ein Experte, den das Gericht befragte. «Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Goldpartikel identisch mit dem Gold der Goldmünze.»

In der Nacht zum 27. März 2017 wurde die 100 Kilogramm schwere Münze «Big Maple Leaf» mit einem damaligen Goldwert von knapp 3,75 Millionen Euro entwendet. Der Coup soll gründlich geplant gewesen sein. Laut Anklage sollen zwei Brüder sowie ihr Cousin über das Fenster in der Herren-Umkleidekabine eingestiegen sein.

Sie hätten dann weit nach Mitternacht eine Vitrine zertrümmert und das Goldstück mit Rollbrett, Seil und Schubkarre zu einem Fluchtwagen geschafft. Der einstige Wachmann soll zuvor den Ort ausgekundschaftet haben. Der Deutsch-Türke war Mitarbeiter einer Firma im Auftrag des Museums, das zum Weltkulturerbe Museumsinsel gehört.

Möglicherweise wurde der Diebstahl durch Sicherheitsmängel begünstigt. So war die Alarmanlage des Fensters defekt, über das die Diebe in das altehrwürdige Gebäude eindrangen. Die Öffnungs- und Verschlussüberwachung sei für mehrere Tage deaktiviert gewesen, hatte ein für Sicherheit zuständiger Mitarbeiter der Staatlichen Museen zu Berlin im Prozess gesagt. Seit 2014 habe es immer wieder technische Probleme mit dem Fenster im zweiten Stock gegeben.

Der Einstieg über ein defektes Fenster, das Zertrümmern einer Vitrine – auch in Dresden gingen im Dezember bislang Unbekannte beim Einbruch in das Grüne Gewölbe so vor. Unschätzbar wertvolle Juwelen wurden entwendet. Der Coup, der auch international Schlagzeilen machte, dauerte nur wenige Minuten.

Dresdner Ermittler haben Kontakt zu ihren Kollegen in der Hauptstadt aufgenommen, um mögliche Zusammenhänge zu prüfen. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik hatte der dpa aber gesagt, Verbindungen seien weiter Spekulation. Das Berliner Landeskriminalamt habe einen international anerkannten Experten für Kunstdelikte, der die sächsischen Kriminalisten unterstütze.

Mitglieder der Großfamilie, zu der die in Berlin angeklagten Brüder und der Cousin gehören, waren schon wiederholt im Visier der Ermittler. Im Sommer 2018 wurden 77 Immobilien beschlagnahmt, die dem Clan zugerechnet werden. Die Ermittler vermuten, dass Wohnungen und Grundstücke auch mit Geld gekauft wurden, das aus einem Bank-Einbruch vom Oktober 2014 stammt.