Ein älteres Pärchen schaut im niedersächsischen Harlesiel aufs Meer., © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Prognose: Renten steigen nächstes Jahr um bis zu 4,2 Prozent

Gute Nachrichten für 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland: Sie können im kommenden Jahr voraussichtlich mit mehr Geld rechnen. In Westdeutschland sollen die Renten im Juli um rund 3,5 Prozent steigen und in Ostdeutschland um gut 4,2 Prozent. Das geht aus dem Entwurf des Rentenversicherungsberichts 2022 hervor, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Zuvor hatte die «Bild am Sonntag» berichtet. Die Details:

Voraussichtliche Rentenerhöhung 2023

Bei einer Rente von 1000 Euro bedeutet die geschätzte Anpassung ein Plus von rund 35 Euro im Westen und 42 Euro im Osten. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nannte die prognostizierte Erhöhung in der «Bild am Sonntag» «spürbar». Die Schätzung für das kommende Jahr liegt allerdings unter dem Niveau der Erhöhung, von der die Rentnerinnen und Rentner zum 1. Juli dieses Jahres profitiert haben. Im Westen stiegen die Renten im Sommer um 5,35 Prozent, im Osten um 6,12 Prozent. Die Daten für 2023 sind vorläufig, Klarheit gibt es erst im kommenden Frühjahr.

Prognosen für die kommenden Jahre

Dem Bericht zufolge sollen die Renten bis zum Jahr 2036 um insgesamt knapp 43 Prozent steigen. Dies entspreche einer durchschnittlichen Steigerungsrate von 2,6 Prozent pro Jahr, hieß es. Das Rentenniveau, das derzeit bei rund 48,1 Prozent liegt, bleibt den Angaben nach auch bis zum Jahr 2024 knapp oberhalb von 48 Prozent. Es drückt das Verhältnis der Rente zu den Löhnen und somit die Absicherungskraft der Rente für die Rentnerinnen und Rentner aus. Gesetzlich ist ein Absinken des Niveaus unter 48 Prozent bis 2025 ausgeschlossen. Heil bekräftige in der «Bild am Sonntag», dass eine weitere Rentenreform geplant sei: «Als nächstes kümmern wir uns darum, das Rentenniveau dauerhaft stabil zu halten, deutlich über 2026 hinaus.»

Grundlagen der Schätzung

Die Berechnungen bis 2027 stützen sich auf die aktuellen Wirtschaftsannahmen der Bundesregierung vom 12. Oktober. Die hatte ihre Prognosen zur Konjunktur deutlich heruntergeschraubt und etwa für das kommende Jahr ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,4 Prozent projiziert. Die Ergebnisse der Steuerschätzung, die am 27. Oktober veröffentlicht worden waren, seien ebenfalls in den Schätzungen zur Rente berücksichtigt worden, heißt es.

Entwicklung der Beitragssätze

Der Beitragssatz soll nach der vorläufigen Berechnung bis 2026 beim aktuellen Wert von 18,6 Prozent stabil bleiben. Minister Heil sagte laut Zeitung, es sei – entgegen vieler Prognosen – gelungen, den Beitragssatz länger als erwartet stabil zu halten. Es sei gerade in der aktuellen Kostenkrise eine gute Nachricht, «dass sich arbeitende Menschen darauf verlassen können, dass der Beitragssatz nicht steigt». Bei der Rentenreform werde man auch auf die Beitragsentwicklung achten. Der Beitragssatz ist der Anteil am monatlichen Bruttolohn, der für die Rentenversicherung vorgesehen ist. Er wird jeweils zur Hälfte vom Arbeitgeber und -nehmer gezahlt.

Lage der Rentenkasse

Insgesamt werden die Ergebnisse im Rentenversicherungsbericht «erfreulich» genannt. Aktuelle Rahmenbedingungen wirkten sich günstig auf die Rentenfinanzen aus. «Kurz- und mittelfristig führen der stabile Arbeitsmarkt mit den erwarteten starken Lohnzuwächsen in Folge der Inflation zu einem deutlichen Einnahmenanstieg», halten die Rentenschätzer fest. Hinzu komme ein Effekt, der insbesondere auf die Folgen der Corona-Pandemie zurückzuführen sei: eine erhöhte Sterblichkeit mit geringeren Rentenausgaben. Langfristig sei für die günstigere Finanzentwicklung allerdings die höhere Zuwanderung entscheidend, heißt es weiter. Aber auch hier wirke sich eine weniger stark steigende Lebenserwartung auf die Entwicklung aus.

Der Rentenversicherungsbericht 2022 soll nach den aktuellen Plänen am 30. November im Kabinett beschlossen werden. Anschließend müssen sich noch Bundestag und Bundesrat mit den Daten befassen.

Forderungen der Verbände

Nach Einschätzung des Deutschen Gewerkschaftsbunds kommen die Erhöhungen angesichts der Inflation zu spät. «Die Renten folgen den Löhnen immer mehr als ein Jahr verzögert; deshalb reicht es bei plötzlichen Preisanstiegen und folgenden stärkeren Lohnerhöhungen eben nicht, wenn die Renten zum Juli 2023 oder gar erst 2024 deutlich steigen», sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Kritik äußerte auch der Sozialverband Deutschland: «Der Anstieg der Inflation muss sich auch bei der Anpassung Rente niederschlagen», sagte die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier. Die jetzt geplante Anpassung sei deshalb viel zu niedrig angesetzt und reiche nicht aus. Im Oktober lagen die Verbraucherpreise in Deutschland vorläufigen amtlichen Angaben zufolge um 10,4 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Das ist der höchste Wert seit etwa 70 Jahren.