Welche Gräuel haben sich im befreiten Cherson wirklich abgespielt?, © Roman Hrytsyna/AP/dpa

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Im russischen Angriffskrieg in der Ukraine sind ukrainischen Ermittlern zufolge mehr als 8300 Zivilisten getötet worden. Unter ihnen seien 437 Kinder, teilte Generalstaatsanwalt Andrij Kostin nach Angaben des Internetportals «Unian» mit. Mehr als 11.000 Menschen seien in dem fast seit neun Monaten dauernden Krieg verletzt worden. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte Kostin zufolge aber höher liegen, da ukrainische Behörden zu einigen von Russland besetzten Gebieten noch keinen Zugang hätten.

In den befreiten Regionen stoßen die ukrainischen Truppen weiter auf Leichen und Hinweise auf mutmaßliche Gräueltaten.

Am größten Atomkraftwerk Europas spitzte sich die Lage am Wochenende wieder zu. Die Internationale Energiebehörde (IAEA) berichtete unter Berufung auf eigene Experten vor Ort von mehreren starken Explosionen. Die Schäden beeinträchtigten bislang nicht die nukleare Sicherheit. Russland und die Ukraine machten sich wie bei früherem Beschuss gegenseitig dafür verantwortlich.

Ukraine spricht von mehr als 45.000 Kriegsverbrechen

Die ukrainischen Behörden registrierten bislang mehr als 45.000 Kriegsverbrechen. 216 Personen seien als mutmaßliche Kriegsverbrecher gemeldet worden, darunter 17 russische Kriegsgefangene, hieß es. Von 60 angeklagten Personen seien zwölf verurteilt worden.

In den befreiten Gebieten rund um Cherson, Charkiw und Donezk stoßen die Ukrainer nach offizieller Darstellung auf immer mehr Beweise für Gräueltaten der einstigen russischen Besatzer. In den vergangenen zwei Monaten seien in diesen Gebieten mehr als 700 Leichen entdeckt worden, sagte der Generalstaatsanwalt im Staatsfernsehen. In rund 90 Prozent der Fälle habe es sich um Zivilpersonen gehandelt.

London: Führungsschwäche bei Russlands Truppen

Die russischen Truppen hatten Anfang November die Großstadt Cherson und das umliegende Gebiet nordwestlich des Flusses Dnipro geräumt und sich unter dem Druck der ukrainischen Streitkräfte auf die östliche Seite des Dnipro zurückgezogen. Der Abzug lief nach Einschätzung britischer Militärexperten vergleichsweise geordnet, was zum Teil auf das effektive Kommando von General Sergej Surowikin zurückzuführen sei. Dieser war Anfang Oktober nach zahlreichen Niederlagen berufen worden. Auf mittlerer und unterer Befehlsebene mangele es aber an Führungsstärke, ging aus dem Geheimdienst-Update des britischen Verteidigungsministeriums hervor. Auch gebe es Hinweise auf eine Kultur der Vertuschung innerhalb der russischen Truppen.

Kiew: Russen verlegen Einheiten in die Ostukraine

Die russischen Streitkräfte verlegen nach Erkenntnissen des ukrainischen Generalstabs aus dem Gebiet Cherson abgezogene Einheiten in die Gebiete Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine. In Luhansk richteten die Besatzer demnach zusätzliche Kontrollpunkte ein, um Deserteure zu identifizieren und festzunehmen. Die russische Armee greife zwar massiv mit Raketen an, es sei aber wahrscheinlich noch zu früh, von einer neuen Großoffensive zu sprechen, sagte der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, dem Internetportal «Ukrajinska Prawda» zufolge im ukrainischen Fernsehen. Im Donbass in der Ostukraine komme es aber zu schweren Kampfhandlungen.

IAEA-Chef: «Ihr spielt mit dem Feuer!»

Angespannt war auch die Lage am ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja, das Russland besetzt hält. IAEA-Experten vor Ort hätten von Dutzenden Einschlägen in der Nähe und auf dem Gelände der größten europäischen Atomanlage berichtet, teilte die Behörde mit. Das Management der Anlage habe Schäden an einigen Gebäuden, Systemen und Geräten gemeldet. Die nukleare Sicherheit sei bislang nicht beeinträchtigt. Es habe keine Verletzten gegeben.

Das AKW ist in den vergangenen Monaten bei schweren Kämpfen mehrfach unter Beschuss geraten. Die Ukraine und Russland geben sich gegenseitig die Schuld. Wer auch immer hinter den Angriffen stecke, «es muss umgehend aufhören», forderte IAEA-Chef Rafael Grossi. «Wie ich schon oft gesagt habe: Ihr spielt mit dem Feuer!»

London will Flugabwehr der Ukraine stärken

Angesichts massiver Raketenangriffe Russlands etwa auf die Infrastruktur des Landes will Großbritannien die Ukraine stärker bei der Abwehr der Angriffe aus der Luft unterstützen. Bei seinem ersten Besuch in Kiew sagte der neue britische Premierminister Rishi Sunak am Samstag weitere Hilfen von umgerechnet knapp 57,5 Millionen Euro zu, die Dutzende Geschütze zur Flugabwehr umfassen und zum Schutz der Bevölkerung und Infrastruktur beitragen sollen.

Staatsbegräbnis in Polen – Ermittler verlassen Raketeneinschlagsort

Nach dem Einschlag einer Rakete im polnischen Grenzgebiet zur Ukraine ist am Sonntag das zweite Todesopfer, ein 59-jähriger Traktorfahrer, mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt worden. Am Samstag hatte bereits eine Ehrenkompanie der polnischen Arme einem 60 Jahre alten Lagerverwalter in Przewodow das letzte Geleit gegeben. Die beiden Männer starben am Dienstag, als in dem Dorf nur sechs Kilometer von der Grenze zur Ukraine eine Rakete einschlug.

Zurzeit geht der Westen davon aus, dass es eine ukrainische Flugabwehrrakete war, die zur Verteidigung gegen Angriffe des russischen Militärs eingesetzt wurde. Nach Angaben eines Reporters der Nachrichtenagentur PAP haben Ermittler den Einschlagsort mittlerweile verlassen. Am Ortseingang seien keine Polizisten mehr zu sehen gewesen. Von offizieller Seite gab es keine Angaben dazu.