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Krisenberatung hilft Klinikpersonal an Belastungsgrenze

Nürnberg (dpa/lby) – Hoher Arbeitsdruck, sterbende Patienten und die Angst, sich anzustecken – viele Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte an Bayerns Krankenhäusern stoßen angesichts der hohen Infektionszahlen an ihre Grenzen. «Die Belastung ist höher als im Frühjahr, als wir noch frisch waren», sagte die Psychologin Eva Katharina Krauß-Köstler vom Klinikum Nürnberg. Die erste Corona-Welle habe bereits Spuren hinterlassen und alle müssten trotzdem weiter durchhalten.

In dieser Situation soll ein psychosoziales Kriseninterventionsteam die Beschäftigten am Klinikum Nürnberg unterstützen. Die 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind täglich von morgens bis in die Nacht an einem Krisentelefon erreichbar.

«Es ist ganz unterschiedlich, was die Menschen bewegt», sagte Krauß-Köstler, die das Kriseninterventionsteam betreut. Manche litten unter der großen Arbeitsbelastung, andere machten sich Sorgen, zu wenig Zeit für die Familie zu haben oder diese gar mit dem Coronavirus zu infizieren. «Wir haben gemerkt, dass man uns vermehrt kontaktiert, wenn ein junger Mensch an Covid-19 stirbt.»

Das Team geht aber auch regelmäßig auf die besonders betroffenen Stationen, um sich selbst ein Bild zu machen – und vor allem Vertrauen aufzubauen. «Es ist schon eine hohe Schwelle für die Mitarbeitenden sich an ein Kriseninterventionsteam zu wenden», sagte die Leitende Psychologin Barbara Stein von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Oft helfe es, über Sorgen und Unsicherheiten im Team zu sprechen. Im Alltag gehe das aber gerade unter. «Die Luft zum Durchatmen fehlt zurzeit», sagte Stein.

Auch die Vereinigung der Pflegenden in Bayern bietet eine Krisenberatung an. Speziell geschulte Pflegekräfte helfen ihren Berufskolleginnen und -kollegen bei Problemen, ziehen aber auch Fachleute bei ethischen oder berufsrechtlichen Fragen hinzu. «Insbesondere auf den Intensivstationen nimmt der Arbeitsdruck extrem zu», sagte Präsident Georg Sigl-Lehner. Dazu steige mit jedem Covid-19-Patienten die psychische Belastung, weil das Risiko einer Ansteckung und die Konfrontation mit dem Tod zunehme.

Ihre Sorgen und die zum Teil traumatischen Erlebnisse nehmen viele Krankenhaus-Beschäftigten inzwischen mit nach Hause. Zurzeit fehle es an Rückzugsmöglichkeiten, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mal ohne Maske miteinander reden könnten, sagte der Sprecher der bayerischen Krankenhausgesellschaft, Eduard Fuchshuber. «Das macht die Situation nicht einfacher.» Viele Krankenhäuser versuchten deshalb, das mit seelsorgerischen und psychotherapeutischen Angeboten aufzufangen.

Doch mitunter können auch scheinbare Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen. «Manchmal werden unter Stress feste Tagesstrukturen wie eine gemeinsame Mittagspause aufgegeben», sagte Krauß-Köstler. Das Kriseninterventionsteam erinnere die Beschäftigten dann daran, wie wichtig diese sei, um wieder Kraft zu schöpfen. Auch Atem- und Entspannungsübungen könnten gut helfen. «Das ändert sofort die Stimmung.»