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Museum gibt Überreste an Nachfahren zurück

München (dpa) – 1876, im Norden des heutigen australischen Bundesstaates Queensland: Angehörige der Gemeinschaft Gimuy Walubara Yidindji bestatten gerade ihr Oberhaupt. Da stürmen Fremde den heiligen Ort und entführen die Leichen des Mannes und seiner Ehefrau. So könnte sich die Schandtat zugetragen haben, die erst mehr als 140 Jahre später wieder gutgemacht wird, zumindest zum Teil. Rund 130 Jahre lagerten die sterblichen Überreste des Mannes im Museum Fünf Kontinente in München. Dort wurden sie am Dienstag den Nachfahren des Yidiinji Ancestral Kings übergeben, in einer feierlichen Räucherzeremonie.

Auf einer Bühne steht eine große Kiste, mit grauem Stoff bedeckt. Zwei Männer breiten erst eine weiße Decke mit Pflanzensymbolen darüber, danach eine Fahne. Rot und schwarz mit einem gelben Kreis in der Mitte – die Flagge der Aborigines. Holzstäbe klopfen rhythmisch gegeneinander, begleitet von kurzen Zwischenrufen, im Raum breitet sich der würzige Duft brennender Kräuter aus.

«Eine Last wurde von uns genommen», sagt später der Älteste der Gemeinschaft, Gudju Gudju Fourmile, ein Nachfahre des Toten. Die Rückgabe sei ein Moment des Glücks, aber auch der Trauer. Denn die sterblichen Überreste der Ehefrau sind immer noch verschwunden. Was die räuberischen Forscher unter Beteiligung des deutschen Geschäftsmannes Leopold Sachs mit den Körpern wollten, ist unklar. Museumshistoriker vermuten, dass sie diese als kuriose Ausstellungsobjekte verkaufen wollten, um die Expedition zu finanzieren. Als sich kein Käufer fand, sei der Leichnam des Mannes etwa 1889 der Königlichen Ethnographischen Sammlung in München übergeben worden, aus der später das Museum Fünf Kontinente wurde. Vermutlich sei die Leiche auch ausgestellt worden.

Fourmile nutzt die Rückgabe für eine politische Stellungnahme. Der koloniale Blick auf die Aborigines sei noch heute vorhanden, sagt er. Ihr Ziel sei aber, als souveräne Nation im Commonwealth anerkannt zu werden. Die Yidinji-Nation werde nicht verschwinden und wolle nicht Opfer von Genozid, Diebstahl oder anderen Verbrechen sein.

Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sagte, die Erforschung des Schicksals und die Rückgabe der sterblichen Überreste könnten zum gegenseitigen Verständnis und zur Aussöhnung der Kulturen beitragen. Und Australiens Botschafterin Lynette Wood kündigte an, auch künftig mit deutschen Institutionen über die Rückführung zu verhandeln.

München ist nur die erste Station. Die Gruppe, zu der auch Vertreter der Yawuru gehören, will die Überreste von 52 weiteren Menschen in Empfang nehmen. Sie lagern im Stuttgarter Linden-Museum, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie in den Universitäten Freiburg und Halle. In den kommenden Tagen sind deshalb zwei weitere Rückgabe-Zeremonien in Stuttgart und Berlin geplant. 1000 Leichname vermuten allein die Yindinji in Institutionen außerhalb Australiens, ebenso unzählige Kunstgegenstände wie Speere oder Schilde.

Wenn alle wieder zuhause in Australien sind, werden sie ihre Toten mit traditionellen Riten bestatten und bei einer Zeremonie «ihre Geister befreien», sagt Fourmile. Zufrieden ist er aber noch nicht, da die Ehefrau seines Vorfahren noch verschollen ist. «Er kann nicht wirklich ruhen, bevor wir nicht seine Frau gefunden haben», sagt Fourmile und verspricht: «Wir werden weitersuchen nach ihr».