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Ökumenischer Segen: «Größte Geschichte aller Zeiten»

München (dpa/lby) – Ökumenischer Segen für Oberammergau: Erstmals haben am Dienstag die Spitzen von katholischer und evangelischer Kirche gemeinsam Gottes Beistand für die jahrhundertealte Passion erbeten. Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, sowie der evangelische Landesbischof, Heinrich Bedford-Strohm, nahmen bei dem Treffen im Erzbischöflichen Palais in München auch die ersten Textvorstellungen von Spielleiter Christian Stückl entgegen.

Er wolle die Passion nicht auf das Leiden und Sterben Jesu reduzieren, sondern noch stärker sein Leben und seinen Umgang mit Menschen in Not und am Rande der Gesellschaft in den Vordergrund stellen, sagte Stückl, der die Passion zum vierten Mal inszeniert und das Stück grundlegend reformierte. Es sei für ihn klar, «dass wir viel mehr die Lebensgeschichte spielen müssen: Warum ist er gestorben, für was ist er gestorben?», sagte der 57-Jährige.

«Es ist die größte Geschichte aller Zeiten», sagte Marx. «Wenn Ihr etwas von Gott wissen wollt, dann schaut auf die Geschichte dieses Mannes.» Er habe die Passion 2010 drei Mal gesehen. Aber es sei nie so gewesen, «dass ich gesagt hätte: Na, das kennst du ja schon alles.»

Bedford-Strohm sagte, es sei wichtig, die Botschaft auf diese Weise lebendig werden zu lassen. Jesus habe sich an die Seite derer gestellt, die Unterstützung brauchten – auch politisch. Er stehe damit auch an der Seite der Folteropfer von heute. Zu dem gemeinsamen Termin sagte er: «Es gibt keinen katholischen Christus und keinen evangelischen Christus und keinen orthodoxen Christus. Es gibt nur den einen Christus.» Und Marx ergänzte: «Und der war Jude.»

Die Passion war zeitweise vorgeworfen worden, antisemisches Gedankengut mit zu verbreiten. Stückl eliminierte die antisemitischen Tendenzen, er brachte 2010 erstmals das Gebet «Schma Israel» («Höre Israel») in jüdischer Sprache auf die Bühne. Dafür bekam er viel Anerkennung auch von jüdischer Seite. Damals definierte er die Rolle des Pilatus neu als Hauptverantwortlichen für den Jesu Tod.

In der nächsten Woche wolle er sich mit Vertretern des Judentums aus den USA zusammensetzen, sagte Stückl. «Wir werden drei Tage sitzen und die Schwierigkeit, die wir mit dem Text haben, durchdiskutieren.»

Die Verantwortung über den Passionstext war früher laut Stückl fest in Händen von Kirchenleuten und wurde von 1890 etwa hundert Jahre lang nicht verändert. Stückl passt den Text bei jeder Passion auch an aktuelle Fragen an.

Am 7. Dezember starten die Proben. Am 16. Mai feiern die 42. Passionsspiele Premiere. Fast die Hälfte der Einwohner, rund 2400 Menschen, werden dann auf der Bühne stehen, um das Laienspiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu aufzuführen. Es geht auf ein Pestgelübde zurück. 1633 hatten die Oberammergauer versprochen, alle zehn Jahre die Geschichte aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterbe – was nach der Überlieferung eintraf.