Passion: Corona bringt Jünger ans Kreuz

Über 50 Mal ist Jesus nun schon am Kreuz gestorben. Gut 50 weitere Male werden es bis zum 2. Oktober sein – und das wahrscheinlich vor fast ausverkauften Zuschauerrängen. Trotz allerlei Widrigkeiten – Coronakrise, Krieg und Inflation – sind zur Halbzeit der Passionsspiele in Oberammergau 85 Prozent aller Karten verkauft. «Ich bin positiv gestimmt, dass wir an 90 Prozent der Auslastung herankommen», sagt Geschäftsführer Walter Rutz am Freitag. «Es läuft toll für die schwierigen Zeiten», findet auch Frederik Mayet, Pressesprecher und zum zweiten Mal als Jesus auf der Bühne.

Mayet fand sich kürzlich in einer völlig neuen Situation. «Auf einmal hängen zwei Apostel neben einem am Kreuz.» Weil beide Schächer krank zu Hause waren, mussten sich kurzfristig zwei Jünger kreuzigen lassen.

«Sehr, sehr aufregend» und «krasse Erfahrung», nennt Jakobus-Darsteller Yannick Schaap die unverhofften Kreuzigungen, die für ihn tatsächlich zur kleinen Tortur wurden. Die Kreuze sind maßgeschneidert für die Spieler – Jakobus war etwas zu klein.

Das Publikum habe von alledem wohl nichts bemerkt, sagt Spielleiter Christian Stückl. Zusammenhalt und Motivation seien bei dieser Passion so groß wie selten. Wenn jemand ausfalle, werde die Rolle getauscht. Ein wenig Ablenkung vom Spiel bemerkte der musikalische Leiter Markus Zwink freilich bei Kindern, die beim Einzug nach Jerusalem lieber das von Jesus verteilte Brot essen statt zu singen.

Wenn alles so gut weitergeht, könnten laut Rutz am Ende rund 25 Millionen Euro Überschuss im Säckel klingeln. Bei der letzten fast komplett ausverkauften Passion 2010 waren es 34 Millionen Euro.

Ein Teil des Erlöses wird in die nächste Passion fließen, die 2030 geplant ist. Schon in zwei Jahren starten die Vorbereitungen. 2024 werde man mit Vertriebsaktivitäten beginnen, sagte Rutz.

Wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt. 2020 hatte Stückl die Passion wegen Corona um zwei Jahre verschoben. Tickets wurden zurückgegeben. Darsteller sprangen ab, sie müssen sich ein halbes Jahr teils freischaufeln. Statt ursprünglich über 2000 sind es mit Kindern noch 1700 Mitwirkende, immerhin noch ein Drittel der Dörfler.

Obwohl jeden Tag alle Spieler auf Corona getestet werden, sind Lücken spürbar. Mal fehlte ein Priester, mal vier Apostel. Das Volk war dezimiert – und auch bei den Römern gab es Engpässe. Obwohl die Rolle bei den Herren begehrt ist, da sie sich Haare und Bart nicht wachsen lassen müssen, fehlte teils fast die Hälfte der geplanten 60 Römer.

So landete ein Römer auf der Bühne, der erst wenige Jahre im Ort lebt – ein Regelbruch: Spielrecht hat nur, wer in Oberammergau geboren ist oder 20 Jahre dort lebt. Das «Garmisch-Partenkirchner Tagblatt» hatte als erstes darüber berichtet. Im Gemeinderat wurde der Fall gelöst.

Doch das Thema bliebt brisant. Für Stückl ist die 20-Jahres-Regel ein «Unrechtsgesetz» und «ziemlich dämlich». Sie grenze aus und behindere Integration. «Wer hier wohnt, soll mitspielen.» Zweieinhalb bis drei Jahre seien praktikabel; in diesem Zeitraum vor einer Passion werden die Spieler registriert. «Integration hat nichts damit zu tun, wie lange jemand hier ist», sagt Stückl. Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) geht davon aus, dass das Thema vor der nächsten Passion 2030 erneut im Gemeinderat landet – wo eine Verkürzung 2016 scheiterte.

Ob Stückl die Passion 2030 ein fünftes Mal auf die Bühne bringt, lässt er offen. Er klebe nicht an dem Amt, sagt er. Stückl hat das jahrhundertealte Spiel seit 1990 auf vielen Ebenen erneuert. Er hatte das Spielrecht für alle Frauen unterstützt, bis 1990 durften nur unverheiratete Frauen unter 35 auf die Bühne. Er gab erstmals Protestanten und später Muslimen Hauptrollen. Vor allem befreite er die Passion von christlichen Anti-Judaismen.

Für die zweite Hälfte der Passion können sich die Oberammergauer noch nicht ganz zurücklehnen. «Corona und die Ukraine hängen wie ein Damokles über uns», sagt Geschäftsführer Rutz. Weiter würden Karten vor allem aus dem Ausland zurückgegeben, der deutsche Markt fange dies aber auf. Wie viel am Ende in der Kasse bleibt, hängt auch von der Inflation ab. Diese Erfahrung ist im Ort 100 Jahre alt: Nach der Passion 1922 hätten sich manche vom Lohn noch ein Grundstück kaufen können – wenig später habe es gerade noch für einen Janker gereicht.

Die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde zurück. 1633 versprachen die Oberammergauer, alle zehn Jahre das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi aufzuführen, wenn das Dorf verschont bliebe.