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Rosen, Kerzen und Danke an die Nachbarn – 30 Jahre Mauerfall

Berlin (dpa) – Der kleine Theodor aus Berlin hört Geschichten aus einer anderen Welt. Aus einer Zeit, in der Menschen hinter einer Mauer eingesperrt waren. «Damit sie nicht weglaufen», sagt der Fünfjährige.

Das hat ihm zuvor Angela Merkel (CDU) erzählt. Bei dem zentralen Gedenken zum Fall der Mauer vor 30 Jahren nimmt sich die Kanzlerin am Samstag Zeit, bleibt bei dem Jungen und seiner Mutter stehen und unterhält sich mit ihnen. Als Merkel so alt gewesen sei wie Theodor, habe sie ihre Oma von der anderen Seite der Mauer nur einmal im Jahr sehen können, berichten die beiden aus dem Gespräch mit der Kanzlerin an der Bernauer Straße.

Dieser trübe Novembertag ist ein besonderer Tag der Erinnerung an die friedliche Revolution vom Herbst 1989 und der Freude über den Mauerfall. Es ist aber auch ein Tag, der zeigt, dass das geeinte Deutschland normal geworden ist und ein historischer Jahrestag ohne großen Jubel und Pathos auskommt.

«Wir bauen mit der Erinnerung jetzt auch Brücken in die Zukunft», sagt der DDR-Oppositionelle Roland Jahn der Deutschen Presse-Agentur. Zu dem Gedenken sind auch Schüler aus Polen, Tschechien, Ungarn, Norwegen und der Slowakei gekommen. Sie wünschen sich, dass keine Mauern mehr die Menschen trennen. «Wir wollen uns für Europa einsetzen», sagt eine junge Tschechin bei dem Gedenken an der einstigen Mauer.

Die Schülerin steckt wie Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rose in die Hinterlandmauer, die damit symbolisch durchlöchert wird. Auch die Staatsoberhäupter von Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien sind gekommen. Deutschland würdigt damit ihren Beitrag zum Mauerfall.

Es ist der frühere Todesstreifen an der Bernauer Straße, auf dem die Kanzlerin zur Kapelle der Versöhnung geht. Dort, wo einst DDR-Grenzsoldaten patrouillierten, entstand der schlichte Bau aus Lehm nach der Wiedervereinigung auf dem Boden der gesprengten Versöhnungskirche.

An der Bernauer Straße spielten sich nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 dramatische Szenen ab. Die Häuser gehörten nun zum Osten, der Bürgersteig zum Westen, Menschen versuchten in den ersten Tagen noch, aus den Fenstern in den Westen zu springen. Dann wurde zugemauert.

Die Versöhnungskirche stand lange im Schussfeld der DDR-Grenzsoldaten und musste deshalb auf Befehl von oben 1985 weichen. «Das war nichts anderes als ein Akt der Menschenverachtung», sagt Merkel bei der Andacht in der kleinen Kapelle. «In der Sprengung der Versöhnungskirche zeigte sich gleichsam die Unversöhnlichkeit der Diktatur der DDR mit dem Grundbedürfnis des einzelnen Menschen, Freiheits- und Menschenrechte für sich in Anspruch zu nehmen.» Zu viele Menschen seien Opfer der SED-Diktatur geworden. «Wir werden sie nicht vergessen.»

Die Mutter des letzten erschossenen DDR-Flüchtlings Chris Gueffroy bleibt fast stumm an dem Gedenktag. Sie sei sehr berührt, sagt sie nur. «Das wird immer so bleiben», meint Karin Gueffroy mit traurigem Blick. Ihr 20-jähriger Sohn starb wenige Monate vor dem Mauerfall im Februar 1989 im Kugelhagel – einer von mindestens 140 Toten an der Berliner Mauer.

Trotz des regnerischen Wetters sind neben den Politikern auch etliche Bürger gekommen. Detlev Puschke und seine Frau Margret sind extra aus Magdeburg angereist. Nun stehen sie in Sichtweite des Denkmals «Die Kauernde, sich aufrichtend», wo der Bundespräsident und die Staatsoberhäupter der vier osteuropäischen Staaten Blumen niederlegen.

Puschke hat die Brutalität des SED-Regimes am eigenen Leib erfahren. Er sei in der DDR im Knast geboren worden und im Heim groß geworden, erzählt der heutige Lkw-Fahrer. Inzwischen sei er als Opfer von DDR-Unrecht rehabilitiert worden. «Ich hätte gern mal dem Bundespräsidenten die Hand gegeben – einfach, um mal Danke zu sagen, nicht mehr und nicht weniger.» Doch Puschke steht hinter einer Absperrung.

An Merkel kommen die Zaungäste der offiziellen Gedenkveranstaltung näher heran. Über die Absperrgitter hinweg strecken sie der Kanzlerin Hände entgegen, zücken Handys für Fotos. Merkel, die gerade in Ostdeutschland bisweilen niedergebrüllt wird, trifft hier auf Menschen, die klatschen und Bravo rufen. Die Kanzlerin im hellbraunen Mantel lächelt für Selfies und kommt mit vielen kurz ins Gespräch.

Doch die Sorge um den Erhalt der Demokratie ist auch zu spüren. Ein Besucher aus Hessen fühlt sich angesichts der AfD-Wahlerfolge an die Jahre 1938/39 erinnert. «Die Rechten profitieren auch heute», sagt der 70-Jährige.

Auf diese Sorge geht der Bundespräsident am Abend vor Zehntausenden Besuchern am stimmungsvoll illuminierten Brandenburger Tor ein, wo nach dem Gedenken der Tag mit einer Bühnenshow und Feuerwerk zu Ende gehen sollte. Das, was die Mutigen von damals erkämpften, dürfe nicht in Vergessenheit geraten. «Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird!», mahnt der 63-Jährige auf großer Bühne. «Zusammen hält, wer zusammen tut. Also tun wir was.»

Stille legt sich über den Platz, als die einstige DDR-Oppositionelle Marianne Birthler spricht. Sie erinnert an die Menschen, deren Leben durch die SED-Diktatur zerstört wurde oder die starben. Dann schlägt sie den Bogen zum Heute: «Wer Menschen in Schutz nimmt, die ausgegrenzt, gehasst und gedemütigt werden, der hat verstanden, was wir mit den Kerzen in unseren Händen ausdrücken wollten.»