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Gillamoos zwischen Corona und Wahlkampf

Abensberg (dpa) – Auch im zweiten Corona-Jahr konnte der politische Frühshoppen auf dem Gillamoos nicht mit dem Volksfest-Spektakel aus früheren Jahren mithalten. Keine drei Wochen vor der Bundestagswahl lag dies aber weniger an den auf die Wirtshäuser der Kleinstadt verteilten Redner wie CSU-Chef Markus Söder oder Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. Vielmehr verhinderte die – in Nicht-Corona-Zeiten undenkbare – Abstinenz anderer politischer Schwergewichte wie Parteichefs oder Spitzenkandidaten den erhofften Schlagabtausch.

Insbesondere die CSU war sichtlich bemüht, in und vor der Festhalle Abensberg fernab des eigentlichen Festgeländes, die traditionsreiche Gillamoos-Atmosphäre aufkommen zu lassen. Immerhin 540 Gäste – alle geimpft, genesen oder getestet – durften live dabei sein, als Söder rund 45 Minuten lang gegen den Abwärtstrend der Union anredete: «ich bin froh, dass wir wieder näher zusammenkommen. Ich bin wieder hier, in meinem Revier», sagte er zu Beginn seiner fünften Gillamoos-Rede (damit ist er alleiniger Spitzenreiter in der CSU).

Darüber hinaus sei die Lage aber «sehr, sehr ernst», betonte Söder und verwies auf Corona, Klimawandel und außenpolitische Unruhen wie in Afghanistan. Das Land befinde sich in ernsten Zeiten. Ihn wundere es daher sehr, dass derzeit so wenig ernst über die Zukunft diskutiert werde. Die Union wolle, dass Deutschland ein bürgerliches Land bleibe. Von daher müssten die schlechten Umfragewerte von zuletzt nur noch 20 bis 22 Prozent als Trend ernst genommen werden. «Trends sind da, um sie zu brechen», rief er ins Mikrofon.

Wie bei seinen anderen Wahlkampfauftritten dieser Tage teilte Söder vorallererst gegen SPD, Grüne und Linke aus – es drohe dann ein Linksrutsch mit Steuererhöhungen, ein «Mount Everest an Schulden» und neue Verbote, die das Land zurück in die Steinzeit führten.

Zugleich mahnte Söder, dass mit der Linken eine Partei in die Regierung kommen könnte, die sich «als Nachfolgepartei der SED» bis heute nicht traue, sich von Mauer und Stacheldraht der DDR zu distanzieren. Zudem würden Teile der Linken vom Verfassungsschutz beobachtet und hätten zu der Behörde ein ebenso gestörtes Verhältnis wie zur Bundeswehr. Auch die FDP bekam ihr Fett weg – sie rücke jeden Tag näher an Links heran und könne mit einer Ampelregierung SPD und Grünen an die Macht verhelfen.

FDP-Landeschef Daniel Föst gab sich bei seinem Auftritt dank Umfragewerten von 11 bis 13 Prozent selbstbewusst. «Wir müssen so stark werden, dass keine Regierung ohne uns möglich ist», sagte er und warnte vor der Möglichkeit einer rot-rot-grünen Regierung. Die FDP müsse «dieses Harakiri-Szenario» ebenso verhindern wie ein Bündnis von Union und Grünen.

Auch bei der Rede von Aiwanger vor rund 20 anwesenden Zuschauern dreht sich alles um die Wahl am 26. September. Anders als in früheren Jahren stand aber nicht nur die Generalkritik an der Regierungsarbeit in Berlin im Mittelpunkt seiner Rede – dieses Mal war sie auch gespickt mit Eigenlob und dem Werben um eigene Wählerstimmen.

Die Bürger hätten die Wahl «zwischen Faschingsprinz, Schlumpf und Kobold», spottete Aiwanger über die Spitzenkandidaten Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne). Stimmen für Schwarz, Rot, Gelb und Grün seien verlorene Stimmen. Dagegen seien die Freien Wähler die Mutmacher-Partei. «Wir retten dieses Land.»

Erstmals überhaupt machen sich die Freien Wähler und an vorderster Front Aiwanger als bayerischer wie bundesweiter Spitzenkandidat Hoffnung, selbst in den Bundestag einziehen zu können. Die Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen gelten aber als gering.

Die AfD nutzte den Gillamoos für ihre obligatorischen Rundumschläge gegen die Konkurrenz. Söder habe sich zum «Krisenkönig» gekrönt und geißle die Republik mit seinen Corona-Zwangsmaßnahmen, sagte AfD-Landtagsfraktionschefin Katrin Ebner-Steiner. Aiwangers Name sei der neue politische Begriff für politische Beliebigkeit. Die SPD spiele sich trotz von ihr verantworteter Alters- und Kinderarmut als Partei des kleinen Mannes auf, Grüne wollten mit Lastenfahrrädern, Ökolatschen und Gendergestammel die Welt retten.

Das Volksfest Gillamoos im Landkreis Kelheim hat eine mehr als 700-jährige Tradition. Am letzten Festtag sind politische Reden mit markigen Sprüchen in Bierzeltatmosphäre üblich. Das Volksfest findet 2021 wegen der Corona-Pandemie aber nicht statt.

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