Zwischen Nostalgie und Moderne: Marc Almond (r) und David Ball., © Andrew Whitton/dpa

Soft Cell: «Dreh die Nostalgie-Maschine auf»

Eigentlich waren Soft Cell schon Geschichte. Vor vier Jahren spielte das Duo in London ein Abschiedskonzert, von dem ein Mitschnitt als «Say Hello, Wave Goodbye – One Night, One Final Time» veröffentlicht wurde.

Doch schon im Herbst 2021 standen Marc Almond und Dave Ball zum 40-Jährigen des Debütalbums «Non-Stop Erotic Cabaret» wieder gemeinsam für mehrere Konzerte auf der Bühne – und hatten sogar brandneue Songs im Programm. Sie erscheinen nun auf «Happiness Not Included», dem ersten Soft-Cell-Album seit 20 Jahren.

«Science-Fiction-Storys für das 21. Jahrhundert», so fasste Keyboarder und Multiinstrumentalist Ball (63) die neue Scheibe im Vorfeld zusammen. So singt Almond etwa im Opener «Happy Happy» von einer vermeintlich wundervollen Zukunft. «Niemand weint, wir haben keine Probleme.» Den Zynismus spart sich der Sänger, dessen Soloalben eher romantisch gefärbt sind, stets für seine Soft-Cell-Texte auf.

Gesundheitliche Rückschläge, darunter ein Motorradunfall vor vielen Jahren und zuletzt eine schwere Corona-Erkrankung, haben die einmalige Stimme des inzwischen 64-jährigen nicht beeinträchtigt. Almond klingt so theatralisch und ausdrucksvoll wie immer.

Schwierige Gegenwart und geplatzte Träume

Genial auch die sarkastische Ballade «Heart Like Chernobyl», die stilistisch ein wenig an die Hitsingle «Say Hello, Wave Goodbye» erinnert. Das Albumcover, das lange vor dem Krieg in der Ukraine feststand, zeigt ebenfalls Tschernobyl, genauer: das Riesenrad des verlassenen Vergnügungsparks in Prypjat, der kurz vor der Eröffnung stand, als das Reaktorunglück 1986 seinen Lauf nahm – eine gelungene Metapher.

«Happiness Not Included» dreht sich um geplatzte Träume von einer schönen Zukunft und den Frust über eine unerwartet schwierige Gegenwart. Es gibt allerdings auch positive Nuancen.

Und wenn Almond und Ball mit Track 8 die «Nostalgia Machine» anwerfen, dann nicht ohne Ironie. «Schmeiß sie an, dreh sie auf», singt Almond, der natürlich weiß, dass sich Soft Cell selbst auf einem schmalen Grat zwischen Nostalgie und Moderne bewegen. Dass der klassische Synthiepop-Sound heute durch jüngere Musikstars wie Dua Lipa, Harry Styles oder Miley Cyrus eine Renaissance erlebt, kommt den Briten sicherlich zugute.

Einflussreiche Vorreiter

Das gelegentlich als One-Hit-Wonder missverstandene Duo, das 1978 in Leeds zusammenfand, war in seiner kurzen Schaffensphase stilprägend. Nach einer EP und vier Studioalben trennten sich Almond und Ball 1984 und kamen erst im Jahr 2000 wieder zusammen. Trotzdem gelten sie als wichtige Einflussgröße für so unterschiedliche Künstler wie die Pet Shop Boys oder Trent Reznors Nine Inch Nails.

Mit eben jenen Pet Shop Boys haben Soft Cell jetzt auch erstmals in ihrer Karriere ein Duett aufgenommen. Gemeinsam mit Neil Tennant singt Almond «Purple Zone», während Ball und Chris Lowe für die instrumentale Begleitung sorgen. Das Resultat vereint die Qualitäten beider Bands und ist die wohl eingängigste Single seit Jahren für alle Beteiligten. Auf dem Album ist auch eine abgespecktere, nicht so wuchtige Version ohne die Pet Shop Boys enthalten.

Auf der Tournee bekamen die Fans unter anderem in Londons berühmter Konzerthalle Hammersmith Apollo gleich fünf der neuen Songs zu hören. Dass Soft Cell so selbstbewusst damit umgehen, ist berechtigt. Die Lieder fügten sich perfekt in eine Setlist mit 80er-Klassikern wie «Torch», «Kitchen Sink Drama» oder späteren Soft-Cell-Juwelen wie «Monoculture» ein. Mit «Happiness Not Included» ist Almond und Ball tatsächlich ein kleiner Geniestreich gelungen – sie sind so gut und relevant wie früher.