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Viele «Unwort»-Vorschläge drehen sich um Flüchtlingspolitik

Darmstadt (dpa) – Die Wortwahl zur Flüchtlingspolitik prägt in diesem Jahr erneut die eingereichten Vorschläge für das «Unwort des Jahres».

Unter den mehr als 700 Vorschlägen sei der vom CSU-Politiker Markus Söder benutzte Begriff «Asyltourismus» am häufigsten genannt worden, sagte die Sprecherin der sprachkritischen Jury, Nina Janich, der Deutschen Presse-Agentur in Darmstadt. Als weitere Beispiele nannte sie «Anti-Abschiebe-Industrie» und «sicherheitsgefährdende Schutzsuchende». Das «Unwort des Jahres» wird am 15. Januar 2019 verkündet. Bis Ende 2018 werden noch Vorschläge angenommen.

In der vergangenen Woche hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) «Heißzeit» zum «Wort des Jahres» gekürt. Der Begriff umschreibe nicht nur den heißen und trockenen Sommer dieses Jahres, sondern schlage mit seiner Ähnlichkeit zu «Eiszeit» auch eine Brücke zu «einem der gravierendsten globalen Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts», dem Klimawandel, hieß es.

Für die Wahl des «Unworts des Jahres» sind laut Janich bis Anfang Dezember 722 Mails und Postsendungen mit 417 verschiedenen Begriffen eingegangen. «Das ist noch ein bisschen wenig. Es kann sein, dass wir die Grenze von 1000 bis zum Jahresende diesmal nicht erreichen», sagte sie. Erfreulicherweise seien eine Reihe von Schulklassen unter den Einsendern, die sich im Unterricht auf eine Wortschöpfung geeinigt hätten.

Nicht nur der heutige bayerische Ministerpräsident Söder erregte mit seiner Wortwahl Anstoß. Auch die von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt gebrauchte Formulierung «Anti-Abschiebe-Industrie» ist unter den Einsendungen – ebenso die «Abschiebeverhinderungsindustrie», eine Wortschöpfung, die dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, zugeschrieben wird. Vorgeschlagen wurde zudem «Flüchtlingsindustrie».

Neben «Asyltourismus» sei «DSGVO» (für europäische Datenschutz-Grundverordnung) besonders oft vorgeschlagen worden, sagte Janich. Dies sei jedoch ein klassisches Missverständnis, weil sich die Einsender eigentlich über die Sache ärgerten. Die Jury entscheidet aber ohnehin nicht nach der Häufigkeit eines Vorschlags. Sie kritisiert vielmehr Formulierungen, die «gegen das Prinzip der Menschenwürde» und «Prinzipien der Demokratie» verstoßen, weil sie «einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren» oder «euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend» sind.

Dabei solle nicht unbedingt ein einzelnes Wort herausgestellt werden – wie etwa «Blutaustausch», mit dem eine Verjüngung von Personal gemeint sei. Die Jury küre in der Regel vielmehr bedenkliche Begriffe, die für einen Trend oder eine Haltung stünden, sagte Janich.

Spannend findet die Sprachwissenschaftlerin beispielsweise den vorgeschlagenen Begriff «Deutungshoheit», der ähnlich wie «alternativlos» zwar nicht per se, aber in der politischen Debatte problematisch sei. Im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Hambacher Forst stehe «Ökoterrorist». Auch «Klima-Nazi» wurde vorgeschlagen – ein Begriff, den die stellvertretende AfD-Bundestagsfraktionschefin Beatrix von Storch verwendet haben solle.

«Gesinnungsterror» gehe in eine ähnliche Richtung wie die ebenfalls vorgeschlagenen Begriffe «Hypermoralist» und «Menschenrechtsfundamentalist», sagte Janich. Aus der Gender-Debatte stammt die Formulierung «Feminismus-Flausen». «Klageindustrie» sei im Zusammenhang mit dem Verbraucherschutz eingereicht worden. Auch «linksgrünversifft» wurde vorgeschlagen.