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Viele Corona-Tote voll geimpft – Warten auf «Booster»

München/Nürnberg (dpa/lby) – Unter der rasch steigenden Zahl der Corona-Toten ist mittlerweile ein erheblicher Anteil vollständig Geimpfter. Das gilt als Zeichen einer nachlassenden Wirkung des Impfschutzes. Gleichzeitig fehlt in Bayerns Pflegeheimen Zehntausenden von hochbetagten Bewohnern die Auffrischungsspritze.

Von den 372 bayerischen Corona-Todesopfern in den vier Wochen vom 4. bis 31. Oktober hatten knapp 30 Prozent beide Impfungen erhalten, wie das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel (LGL) auf Anfrage mitteilte – 108 von 372 gezählten Toten. In der ersten Novemberwoche waren 23 von 88 Todesfällen vollständig geimpft, ein Anteil von über einem Viertel.

Sehr viele der vollständig geimpften Toten waren Hochbetagte über 80 Jahre, das ist die am stärksten gefährdete Altersgruppe. Doch von den geschätzt 127 000 Pflegeheimbewohnern in Bayern sind über 40 000 mutmaßlich noch nicht zum dritten Mal geimpft.

Laut Gesundheitsministerium hatten bis zum 5. November knapp 40 000 Pflegebedürftige in den Heimen die sogenannten Booster-Impfungen durch die Impfzentren und Impfteams erhalten. Ähnlich viele Heimbewohnerinnen und -bewohner sind nach Schätzungen von Hausärzten nachgeimpft. Damit bleibt eine Lücke von etwa einem Drittel der Menschen, denen die dritte Impfung fehlt. Es sei «unverantwortlich» dass die «Booster»-Spritzen für Ältere daheim und in Heimen und für Personal nicht voll organisiert worden seien, kritisierte die SPD-Gesundheitsexpertin Ruth Waldmann auf Twitter. «Das kann tödlich enden.»

Impfzentren und -stationen in Bayern sind mittlerweile mit einem Ansturm konfrontiert. München und Augsburg appellierten am Wochenende an die Bürger, nur noch auf Termin in die Impfzentren zu kommen. Lange Schlangen gab es aber auch in kleineren Kommunen wie Wunsiedel. Bayern hat die niedrigste Impfquote der westlichen Bundesländer, was Mediziner als einen der maßgeblichen Gründe für den schnellen Anstieg der Infektionszahlen sehen.

Ganz aktuelle Zahlen zum Anteil der vollständig Geimpften unter den Corona-Toten in der zweiten Novemberwoche lagen am Sonntag noch nicht vor. Klar ist jedoch, dass die Zahl der Toten in Bayern ebenso schnell steigt wie die Zahl der Infektionen. Laut Corona-Portal der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität wurden in den vergangenen sieben Tagen über 300 Todesfälle im Freistaat gemeldet, was im Vergleich zu Mitte Oktober mehr als eine Verdopplung bedeutet.

Die Wirkung der Corona-Impfungen lässt nach Worten des Münchner Virologen Oliver Keppler offensichtlich schneller nach, als es zunächst von Medizinern und Politik erhofft beziehungsweise erwartet wurde. «Die Daten (…) zeigen, dass nach vier Monaten nach der zweiten Impfung gerade bei älteren Menschen die Immunität wieder abnimmt», sagte der Leiter der Virologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität im Bayerischen Rundfunk. «Die Kombination aus schwer erkrankten ungeimpften Menschen und geimpften Menschen, die bereitet diese große Welle, die wir so in dieser Vehemenz vielleicht nicht haben kommen sehen.»

Ab Dienstag wird für Gastronomie und Hotellerie in Bayern eine 2G-Regel gelten. Wer nicht geimpft oder genesen ist, darf nicht mehr ins Wirtshaus gehen. Doch die sehr angespannte Lage in Bayerns Krankenhäusern wird sich nach Einschätzung des Wissenschaftlers weiter verschlechtern. «Es muss uns allen klar sein: Die hohen Inzidenzen, die wir die letzten ein bis zwei Wochen sehen, die schlagen auch erst in ein bis drei Wochen wirklich auf unsere Intensivstationen durch.»

Am Sonntag waren laut Intensivregister in 50 der 96 kreisfreien Städte und Kreise Bayerns weniger als zehn Prozent der Intensivbetten verfügbar. In 20 bayerischen Städten und Kreisen war kein einziges Intensivbett mehr frei.

Kritisch ist die Lage in der Landeshauptstadt München, deren Krankenhäuser eine zentrale Rolle für die medizinische Versorgung in Bayern spielen. Dort waren am Sonntag lediglich 22 der 452 Intensivbetten frei. Innerhalb von drei Monaten hat sich die Zahl der Corona-Intensivpatienten in Bayern verfünfzehnfacht, von 47 am 13. August auf 707 am Sonntagmorgen.

Das LGL betonte, dass die Todesfallzahlen mit Vorsicht interpretiert werden müssten: Als Corona-Todesopfer zählt, wer mit dem Virus infiziert war. Das bedeutet aber nicht, dass Corona auch unbedingt die Todesursache ist. Die Mehrzahl der Corona-Toten sind 80 Jahre und älter, dementsprechend litten viele auch an anderen Krankheiten. Eine Auswertung der Todesfälle nach Vorerkrankungen ist jedoch laut LGL nicht möglich.

Das wurde von der Stiftung Patientenschutz scharf kritisiert. «Für systematische Obduktionen in der Pandemie geben die Bundesländer kein Geld aus», kritisierte Vorstand Eugen Brysch. «So fällt es leicht, in menschenverachtenden Formulierungen zu behaupten, die meisten Toten litten an Vorerkrankungen und auch das könnte die hohe Todesrate erklären.» Das Versagen der staatlichen Corona-Maßnahmen sei offenkundig. «Viel zu viele hochbetagte, oft pflegebedürftige Menschen haben immer noch kein «Booster»-Impfangebot erhalten.»

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