© Heike Grosser

«Würgebirne» und «Siaßei»: Rettung für Äpfel und Birnen

Weilheim/Bad Tölz (dpa/lby) – Die Rettung alter Apfel- und Birnensorten haben sich Forscher im Alpenvorland zum Ziel gesetzt. Allein im vergangenen Jahr zogen sie rund 150 seltene Apfel- und Birnensorten nach. Dieses Jahr wollen sie rund 75 weitere Sorten vor dem Verschwinden retten, wie das in das Projekt eingebundene Landratsamt Weilheim-Schongau mitteilte. Viele dieser Sorten hätten nicht einmal Namen, sagte die Gartenbau-Ingenieurin am Landratsamt, Heike Grosser. «Und wenn sie Namen haben, sind es oft ganz lokale Namen.»

Die «Würgebirne» etwa zählt dazu, oder ein Apfel namens «Siaßei», der besonders süß (bairisch: siaß) schmeckt. Die «Würgebirne» hingegen wird ihrem Namen gerecht: «Die ist wirklich nicht zum Essen. Aber sie kann gut für Schnaps sein», sagt Grosser.

Teils sind Obst-Namen nur mündlich überliefert – und gelegentlich nach Einheimischen benannt, etwa der Eberfinger Magdalenen-Apfel. Dieser trägt nach Recherchen in örtlichen Chroniken wohl den Namen einer früheren Bäuerin.

Oft gibt es von den Sorten nur einen oder einige wenige Bäume, die teils an die Hundert Jahre alt sind. Auch beim Magdalenen-Apfel wurde nach langer Suche nur ein letzter Baum gefunden – mindestens zwei waren unter anderem zugunsten von Bauprojekten gefällt worden.

Seit 2015 werden in dem Projekt in sechs oberbayerischen Landkreisen seltene Apfel- und Birnensorten gesucht. Dabei seien bisher mehrere Hundert Sorten erfasst worden, deren Früchte oft selbst von namhaften deutschen Sortenkundlern nicht bestimmt werden konnten.

Diese unbekannten oder «vergessenen» Sorten zu erhalten und in Schaugärten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist das Ziel des Biodiversitätsprojekts. Bis 2023 sollen Bäume von geretteten Sorten in solchen Gärten in allen beteiligten Landkreisen stehen, Projektmanagerin Eva Bichler-Öttl sagt.

Pomologen – Obstsortenkundler – untersuchen die Eigenschaften der Früchte vom Geschmack über die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge bis hin zur Haltbarkeit. Das Projekt soll damit auch die Grundlage schaffen, dass Bauern bestimmte Sorten wieder mehr in ihren Streuobstwiesen pflanzen. «Die alten Sorten haben eine immense Vielfalt – im Geschmack, aber auch in ihrer Nutzung», sagt Grosser.

Alte Obstsorten und das Wissen um deren besondere Eigenschaften sei auch Teil des Kulturerbes und Ausdruck regionaler Identität, hieß es. Für den Erhalt alter Sorten gibt es laut der Landschaftsarchitektin Bichler-Öttl noch einen weiteren wichtigen Grund: Sie sind anders als manche moderne Sorten auch für Allergiker gut verträglich.

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