Nordatlantikpakt

Joschka Fischer sieht die USA auf dem Weg aus der Nato

04. Juli 2026 , 01:00 Uhr

Droht wegen Donald Trump ein Bruch der Nato? Der ehemalige Grünen-Außenminister Fischer ist jedenfalls nicht sehr optimistisch. Und sagt, was Europa aus seiner Sicht in einem solchen Fall tun müsste.

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) bezweifelt, dass die USA unter Präsident Donald Trump in der Nato bleiben. «Die Amerikaner sind faktisch auf dem Weg nach draußen», sagte der 78-Jährige den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Er forderte für diesen Fall, dass die verbleibenden Verbündeten ihre Allianz ohne die USA fortführen und einen atomaren Schutzschirm mit den Kernwaffen Frankreichs und Großbritanniens aufbauen. 

Die Nato-Staaten kommen ab Dienstag zu ihrem Gipfeltreffen in Ankara zusammen. Im Vorfeld hat Trump erneut gegen Deutschland und andere Verbündete ausgeteilt und deren Beiträge für die Nato kritisiert, obwohl diese ihre Verteidigungsausgaben zuletzt deutlich gesteigert hatten.

Europäische Regierungschefs «auf breiter Schleimspur»

«Die europäischen Staats- und Regierungschefs und der Nato-Generalsekretär nähern sich Donald Trump auf breiter Schleimspur, um ihn bei der Stange zu halten», sagte Fischer. Er kritisiere das nicht. «Sie müssen das machen, ich sehe keine Alternative. Aber ich glaube nicht, dass die Nato auf die Dauer so überleben wird.» 

Er setzt auf eine Europäisierung des Bündnisses. «Der europäische Teil der Nato muss zusammenbleiben, nach Möglichkeit mit Kanada», sagte Fischer. «Wir haben erprobte Verfahren und Mechanismen, die müssen wir erhalten und in eine neue Struktur überführen.»

Auf US-Atomschirm «würde ich mich nicht mehr verlassen»

Angesprochen darauf, dass es den Atomschutzschirm der Amerikaner noch gibt, sagte Fischer: «Darauf würde ich mich nicht mehr verlassen.» Es sei richtig, Trump möglichst viel Honig ums Maul zu schmieren. «Aber ob das reicht, wenn es hart auf hart kommt – da habe ich meine Zweifel.»

Wenn die Amerikaner gingen, würden sie ihren Schutzschirm mitnehmen, sagte der ehemalige Außenminister. «Dann müssen wir versuchen, aus den Beständen in Großbritannien und Frankreich und den nicht-nuklearen Teilen der europäischen Nato einen eigenen Schutzschirm zu bauen.» Das werde bedeuten, dass der französische Präsident oder der britische Premier das letzte Entscheidungsrecht haben, so wie jetzt der amerikanische Präsident. «Die Finanzierungsfragen müssen verhandelt werden.»

Fischer war von 1998 bis 2005 Außenminister und Vizekanzler in der rot-grünen Bundesregierung von Kanzler Gerhard Schröder.

Quelle: dpa

Das könnte Dich auch interessieren

22.06.2026 Trump kritisiert vor Rutte-Besuch europäische Nato-Partner Kurz vor dem Besuch von Nato-Chef Rutte erhöht Trump den Druck auf europäische Verbündete. Einmal mehr wirft der US-Präsident mehreren Nato-Staaten mangelnde Unterstützung vor. 07.07.2026 Trump ärgert sich beim Nato-Gipfel über Europa Europa strengt sich an, um mehr für eigene Sicherheit und Verteidigung zu tun - auch, um den US-Präsidenten zufriedenzustellen. Doch Donald Trump liegt mit einigen Verbündeten weiter über Kreuz. 06.07.2026 Europa an Trump vor Nato-Gipfel: Wir liefern Vor dem Nato-Gipfel stichelt Donald Trump gegen europäische Verbündete, die angeblich zu wenig für Verteidigung ausgegeben. Nicht nur der deutsche Bundeskanzler hält dagegen. 06.07.2026 Nato-Gipfel mit Trump: Was in Ankara auf dem Spiel steht Welche Zukunft hat die Nato? In der türkischen Hauptstadt Ankara soll in dieser Woche eine klare Antwort gegeben werden. Die Frage ist allerdings, ob der mächtigste Mann der Welt mitspielt.